Kaspars Auftritt am Unschlittplatz

Am 26. Mai 1828 gegen 16:30 Uhr erscheint auf dem Unschlittplatz in Nürnberg ein Junge, der Schwierigkeiten beim Gehen hat und sich nicht gut ausdrücken kann. Er sagt, sein Name ist Kaspar. Der Junge wird ins Gefängnis gesteckt und am nächsten Tag vom Sheriff verhört. Kaspar erzählt in schlechtem Deutsch, dass er sein ganzes Leben in einem ‚runden Raum‘ eingesperrt war. Er hatte nur ein Spielzeugpferd, eine Strohmatratze und einen kleinen Herd. Er musste zwei Tage laufen, weiß aber nicht woher. Ein Rätsel wird geboren: Wer ist Kaspar Hauser?

 Unschlittplatz 2005

Die Diskussion über Kaspar Hauser, die im 19. und 20. Jahrhundert die öffentliche Meinung beschäftigte, hatte zwei Komponenten. Erstens eine politische: Unmittelbar nach seinem Erscheinen kursierten Gerüchte, er sei ein verstecktes Kind von Großherzog Karl von Baden und Großherzogin Stefanie. Sie hatten einen Sohn, der nach ein paar Tagen starb. Stefanie war Napoleons Tochter. Napoleon war auf St. Helena gestorben, aber ein neuer Bonaparte konnte eine neue Revolution auslösen, befürchteten die Kaiser und Könige in Europa. Karl und Stefanies Kind würde noch leben.

 Karl und Stephanie

Zweitens entstand während und nach Kaspar Hausers Leben eine pädagogische Diskussion. Durch das Denken der Erleuchtung wurden Kinder nicht länger als schlecht entwickelte Erwachsene angesehen, sondern als Individuen, die durch Bildung ins Erwachsenenalter gebracht werden mussten. Die Diskussion darüber, was eine gute Erziehung ausmacht, wurde oft auf der Grundlage von Wolfskindern geführt.

Diese waren im neunzehnten Jahrhundert noch üblich: Kinder, die ohne oder mit zu wenig menschlichem Kontakt aufwuchsen und daher sehr sprachschwach waren und die menschliche Interaktion nicht gut verstanden. Beispiele waren Victor of Aveyron (von Mutter Wolf gesäugt), Kamala und Amala (Mutter Wolf vor ihren Augen erschossen) und Genie (auf einem Töpfchenstuhl aufgezogen). Positive Beispiele: Romulus und Remus, Tarzan und Mowgli.

Kind der Wölfe

Der Nürnberger Stadtrat ist verärgert über den mysteriösen Kaspar und bringt ihn in Pflegefamilien. Er fühlt sich bei der herzlichen Familie Daumer zu Hause: Der Junge mit dem Körper eines älteren Jugendlichen und dem Geist eines Fünfjährigen nimmt die menschlichen Gewohnheiten schnell auf. Ein englischer Graf, Lord Stanhope, ist besorgt und wird sein offizieller Stiefvater. Am 17. Oktober 1829 wird ein Angriff auf ihn verübt: Die Täter schlagen ihn, wurden jedoch gestört und fliehen. Lord Stanhope beschließt, dass der Junge nach Ansbach ziehen muss.

In Ansbach findet Kaspar Schutz bei einer kalten und zynischen Person: Herrn Meyer. Für Hauser muß die Zeit bei Meyer die purste Hölle gewesen, schreibt ein Zeitgenosse. Anstatt den unsicheren jungen Mann zu unterstützen, versucht Meyer zu beweisen, dass Kaspar ein Schwindler ist. Er kuckt regelmäßig in Kaspars Tagebuch.

 Herr Meyer

Am 14. Dezember 1833 wird Kaspar von jemandem in den Stadtpark Ansbach gelockt, der einen Brief seiner Mutter für ihn haben soll. Beim Lesen des Briefes wird er erstochen. Stolpernd erreicht er sein Haus, in dem Meyer ihn wegen des Kratzers auslacht. Meyer weigert sich, einen Arzt zu rufen. Kaspar entwickelt hohes Fieber und redet in sich selbst. Am 17. Dezember 1833 stirbt Kaspar Hauser einsam.

Die Anti-Hauserianer argumentieren, dass Kaspar Hauser ein gewöhnlicher Schwindler war. Zu dieser Zeit gab es viele Waisenkinder und arme Kinder, die behaupteten, von einer edlen oder reichen Person gezeugt worden zu sein – was natürlich oft der Fall war, aber selten geehrt wurde! Die Rolle von Stanhopes Pflegevater ist bemerkenswert: Er nannte Kaspar zu seinen Leben ‚seinen geliebten Pflegesohn‘ und wurde in den Jahren nach seinem Tod Kaspars fanatischster Bekämpfer. Zusammen mit Meyer liefert er Beweise dafür, dass Kaspar einen schlechten Charakter hatte und nur ein faules Leben wollte. Kaspar Hauser wird zum Teil wegen Stanhope als gewöhnlicher Betrug am Ende des 19. Jahrhunderts angesehen. Kaspars angebliche edle Abstammung gilt als Verschwörungstheorie.

 Lord Stanhope

In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts beschließen Herman Pies und Paul Klee, den Fall wissenschaftlich zu untersuchen. Sie entdecken, dass Meyer und Stanhope viele Dokumente gefälscht haben, darunter Kaspers Tagebuch. Auch die kirchlichen Tauf- und Sterberegister von Baden wurden manipuliert. Insbesondere das Todesdatum des neugeborenen Sohnes des Gärtners Ernst Blochmann auf dem Gut von Stefanie und Karl hat sich nachweislich geändert. In englischen Archiven finden sie Hinweise darauf, dass Lord Stanhope beim britischen Geheimdienst angestellt war.

1924 Schloss Pilsach: Die alte Burg, die 100 Jahre zuvor dem bayerischen König gehörte, wird von den neuen Bewohnern renoviert. Über der runden Decke der Küche entdecken die Arbeiter einen geheimen Raum. Es enthält eine halb verfallene Strohmatratze, einen Herd und ein hölzernes Spielzeugpferd. Im Laufe des 20. Jahrhunderts werden die Integrität von Kaspar Hauser und seine persönliche Geschichte nicht mehr in Frage gestellt. Es gibt jedoch keine direkten Beweise für seine großherzogliche Abstammung.

 Schloss Pilsach

1996 bestellte das deutsche Wochenmagazin Der Spiegel einen DNA-Test. Die DNA der Nachkommen von Stephanie und Karl von Baden wurde mit der DNA von Blutflecken auf Kaspar Hausers Hose verglichen, die er zum Zeitpunkt des Atentats trug. Es gibt keine Übereinstimmung. Nach fast 200 Jahren scheint der Fall geklärt zu sein: Kaspar Hauser war ein Betrug; er war nicht von adeliger Geburt.

 Kleidung Kaspars

Im Jahr 2002: Dr. Bernd Brinkmann von der Universität Münster macht eine Gegenkompetenz. Er entnimmt nicht nur DNA aus den Blutflecken auf der Hose, sondern auch aus den Haarsträhnen und einem Schweißband von Kaspar. Die Testergebnisse zeigen, dass das DNA-Material von Schweißbändern und Haarsträhnen dem der Nachkommen von Stephanie und Karl ähnlich ist. Der Blutrückstand auf der Hose ist nicht der von Kaspar. Diese wurden wahrscheinlich von einem Kurator des Museums hinzugefügt – in der Vergangenheit eine normale Methode, um Museumsstücke auf dem neuesten Stand zu halten.

Anno 2020. Wer war Kaspar Hauser? Was ist passiert?

Die Französische Revolution von 1789 erschüttert Europa bis in die Grundfesten. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bedrohen die Privilegien von Adel und Geistlichkeit. Napoleon erobert Europa und hebt das Klassensystem überall auf und legt gesetzlich fest, dass alle Menschen bei der Geburt gleiche Rechte haben. 1813 (Schlacht um Leipzig) scheint die Gefahr abgewendet worden zu sein: Napoleon verliert und wird nach Elba verbannt.

 Napoleons Sterbebett

Napoleon kehrte 1815 zurück und schaffte es, in kürzester Zeit ganz Frankreich hinter sich zu bringen. Er verliert in Waterloo und wird in das ferne St. Helena verbannt, wo er langsam vergiftet wird. Napoleon Bonaparte stirbt 1821. Die Ereignisse von 1815 lassen die Könige und Kaiser erkennen, dass der Name Bonaparte einen magischen Klang hat und die Armen und Entrechteten weiterhin inspirieren wird. Männliche Nachkommen sind eine ruhende Gefahr.

Im April 1812 gebar Stephanie einen Sohn. Nach einigen Tagen in der Krippe wird das Kind gegen das totgeborene Kind des Gärtners ausgetauscht. Ziel: Der Thron wird schließlich an Karls unverheirateten und kinderlosen Onkel übergeben. Karl wird vergiftet und der Thron geht wie geplant zum Onkel. Um sicherzustellen, dass er unverheiratet bleibt, darf Kaspar als Erpressungsinstrument leben. Nach dem Tod des kinderlosen Onkels geht der Thron in das bayerische Königshaus über. Kaspar ist vergessen und sein Hausmeister lässt ihn eines Tages frei.

Die Herrscher Europas sind erschrocken über das Erscheinen von ‘Kaspar Hauser’. Eine zweite Revolution muss auf jeden Fall verhindert werden. Österreich-Ungarn und England wollen nicht, dass ein Bonaparte Frankreich wieder führt. Der Habsburger Metternich schickt den englischen Geheimagenten Stanhope zu dem Jungen, der sein Vertrauen gewinnt. Der Mord an dem unschuldigen und unwissenden Jungen kann von Kaspars Vormund leicht organisiert werden.

Ein Kind wurde aus der Wiege seiner Eltern gerissen. 16 Jahre in einem dunklen Raum sitzen. Freigegeben in einer Welt, die er nicht kannte und ohne eigene Identität. Wird als Betrüger bezeichnet und im Alter von neunzehn Jahren feige ermordet.

Kaspar Hauser 1812 – 1831

 

*Nach Bens Unfall im Jahr 1992 und Cas Chemotherapie im Jahr 1999 erkannten Beppie und ich, dass das Leben JETZT und nicht später gelebt und erlebt werden musste. Später darf nicht kommen. Später kann es zu spät sein. Die folgenden 10 Jahre reisten wir in den Ferien durch Europa auf der Suche nach den Wurzeln der europäischen Zivilisation und erlebten wundervolle Dinge mit Thijs, Cas, Lies, Fleur und Tom. Cas starb im Jahr 2009. Vom 30. April bis 4. Mai 2005 suchten wir nach Kaspar Hauser.

Vom 30. April bis 4. Mai 2005 suchten wir nach Kaspar Hauser.

Anschlittplatz

1974 Film von Werner Herzog über Kaspar Hausers Leben. 1992 erscheint die Version von Peter Sehr. Beide Filme betonen die persönliche Tragödie des unschuldigen und missverstandenen Jungen.

Cas, Fleur, Tom und Lies am Denkmal am Anschlittplatz

Schloss Pilsach am Rande eines Dorfes.

Das Tor ist offen: zögern Sie nicht, gehen Sie hinein! Tom an der Spitze.

Der Kanal über und zur imposanten Haustür.

Wir klopfen an und eine junge Frau öffnet die Tür. Sie bestätigt, dass Kaspar Hauser hier eingesperrt war. Ihre Mutter ist mit dem Enkelkind spazieren, aber wir dürfen um das Schloss herumgehen.

Hinter diesem Strauch befindet sich die Entlueftungsoeffnung des Raumes, in dem Kaspar Hauser seit 13 Jahren eingesperrt ist – wahrscheinlich wurde er in den ersten drei Jahren seines Lebens an einem anderen Ort betreut.

Als wir das Tor hinter uns wieder schließen, treffen wir die Schlossdame mit ihrem Enkelkind. Sie spricht freundlich zu uns. Sie lebt seit 30 Jahren hier und ist zu 100 Prozent davon überzeugt, dass Kaspar Hauser hier eingesperrt war. Sie hat nicht nur alles über ihn gelesen, sondern auch einige Hinweise im Haus gefunden, dass er tatsächlich hier versteckt ist. Der geheime Bereich über der Küche wurde vernagelt, um Historiker und Touristen fernzuhalten. Zu ihrem Bedauern interessieren sich ihre eigenen Kinder überhaupt nicht für diese Geschichte.

Plan des Hofgartens von Ansbach, in dem der Junge erstochen wurde.

Der tödliche Stich. Szene aus dem Werner Herzog Film.

Denkmal im Park von Ansbach.

Der Text lautet: Dieses verborgene Geheimnis wurde ermordet. 14. Dezember 1833

Zum Grab von Kaspar Hauser

Die Bestattungsinschrift lautet: Hier liegt Kaspar Hauser, Ein Geheimnis seiner Zeit, seine Geburt unbekannt, sein Tod dunkel. 1833.

Zwischen den Veilchen: ein Spielzeugpferd.