Hellendoorn 1996: Ein Mann öffnet die Haustür und lässt mich herein. Ich betrete einen Raum mit Schränken voller LPs. Eine Scheidung zwingt ihn, kleiner zu leben. Er muss aufräumen. Ich fühle mich wie in einem Land des Paradieses. Bowie, Zeppelin, Lou Reed für 2 Euro. Die Beatles und Stones für 5 Euro. Ich kaufe für nur 200 Euro. Zu Hause habe ich 5 Kindermünder zu füttern und Beppie wird natürlich sagen, dass ich nicht einmal eine Plattenspieler habe. Wen ich zahle sieht mich der Mann nicht an. Ich unterdrücke meine Euphorie. Er lässt mich schweigend raus. Er hat eben einen Teil seines Lebens verkauft.

Radio Kubon aus Schüttorf hat den alten Dual-Pick-up meiner Eltern wieder zum Laufen gebracht. Und diese Woche ist es soweit: Nach 35 Jahren kann ich wieder eine LP auflegen. Welches wird es sein? Eine ikonische Platte passt zum Moment, ein Stück Jugendgefühl. Also lege ich die Live-LP Get your ya ya’s out auf. Ein paar Sekunden später dröhnt die Ankündigung The Greatest Rock ‚n Roll Band on Earth durch mein Wohnzimmer. Alte Welten öffnen sich. Ich habe diese LP tausend Mal in seinem Zimmer mit Paul abgespielt. Wie schön, dass du bei Love in Vain intim mit deinem Mädchen tanzen konntest! Die Stones waren so gut, als ich sie zusammen mit Thijs in Rotterdam live gesehen habe! Und was für ein altmodischer guter Sound!

Es muss um 1960 gewesen sein, als meine Eltern den Dual-Plattenspieler gekauft haben. Mein Vater kümmerte sich nicht wirklich um Musik. Er kam nicht weiter als gelegentliche Modeerscheinungen wie Dave Brubecks Take Five und eine LP der quasi-klassischen Swingle Singers. Aber meine Mutter wuchs in der Indo-Musikkultur in Indien vor und nach dem Krieg auf. In den 1950er Jahren ließen sich viele Indos-Flüchtlinge in und um Den Haag nieder. Hier entstand die niederländische Rock- und Popkultur. Die Tielman Brothers, The Blue Diamonds, Golden Earring, Doe Maar und Wild Romance bestanden (teilweise) aus indischen Jungen. Meine Mutter hat den Rock and Pop der 50er und 60er Jahre aufgesaugt. Sie ist jetzt 87 Jahre alt und nennt Neil Young ihren Mann.

Die Marke Dual hat für viele einen magischen Klang. Das Unternehmen wurde 1900 von den Brüdern Steidinger in St. Georgen gegründet. Zunächst konzentrierten sie sich auf die Antriebssysteme des Grammophons. Dem verdankt es auch seinen Namen: Der Antriebsmotor für Plattenspieler wurde sowohl von einem Federmechanismus als auch von einem Elektromotor angetrieben. Die Marke wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund des halbautomatischen Betriebs groß: Sie verfügte über einen vollautomatischen Start / Stopp-Zyklus und einen Plattenwechselmechanismus. 1982 mussten die Dual-Fabriken wegen des Aufstiegs der CD ihre Tore schließen.

Meine Mutter war im japanischen Lager. Ihr Leben besteht hauptsächlich darin, alte Dinge zu lagern und neu zu ordnen (bonkar). Sie wirft nichts weg. Jedes Mal, wenn ich sie besuche, werden mir die verrücktesten Dinge angeboten: stumpfe Messer aus der Vorkriegszeit, Leinensäcke, eine Schneidemaschine, Besteck, Jogginghosen usw. usw. Plastiktüten werden gewaschen und parfümiert. Manchmal macht es mich verrückt und ruft sie auf, diesen alten Müll wegzuwerfen. Aber Kredit, wo Kredit fällig ist: Ohne sie hätte ich meinen Art-Deco-Kohleofen nicht im Raum und könnte nicht mit dem authentischen Dual-Sound auf The Stones schwingen!